Physiologie

Laktatschwelle ohne Labor bestimmen — 3 Methoden

31. Mai 2026 14 Min Lesezeit Laufen · Radfahren

"Du musst deine anaerobe Schwelle kennen, sonst trainierst du falsch." Diesen Satz hörst du ständig. Aber für die Laktatschwelle ins Labor — das kostet 100-200€ und ist eine Tagesproduktion. Geht's auch ohne?

Ja, geht. In diesem Artikel zeige ich dir drei Methoden — vom simplen Selbsttest bis zum eigenen Stufentest mit Laktat-Messgerät — und für wen welche passt.

Erst: was ist die Laktatschwelle überhaupt?

In der Sport-Praxis sind zwei Schwellen relevant:

LT2 ist das, was die meisten meinen wenn sie "Laktatschwelle" sagen. Sie liegt sehr nah an der FTP (beim Radfahren) bzw. an der 1-Stunden-Race-Pace (beim Laufen).

Methode 1: Talk-Test (kostenlos, ungenau, brauchbar)

Der einfachste Test der Welt. Während des Trainings versuchst du zu sprechen:

Vorteile: kostenlos, sofort verfügbar, körperinternes Feedback.

Nachteile: nicht reproduzierbar zwischen Tagen, ungenau, kann durch Hyperventilation oder Nasenatmung verfälscht werden. Liefert keine konkreten HF/Pace/Watt-Werte.

Wer's nehmen sollte: Hobby-Sportler ohne Powermeter/Pulsuhr, oder als tägliche Kontrolle dass man wirklich locker läuft (häufiger Fehler: "Easy Run" wird zu schnell).

Methode 2: Conconi-Test (Pulsuhr / Powermeter, mittlere Genauigkeit)

Stufentest mit Herzfrequenz-Aufzeichnung. Du beginnst sehr langsam und steigerst alle 200m (oder alle 30s) Tempo/Watt. Die HF steigt linear mit der Intensität — bis zu einem Punkt wo der lineare Anstieg endet. Dieser "Conconi-Knick" markiert die anaerobe Schwelle (LT2).

Ablauf für Laufen:

  1. 15 Min Warm-up easy
  2. Beginne bei 6:30/km
  3. Alle 200m: 5 sec/km schneller (also nach 200m: 6:25/km, nach 400m: 6:20/km, etc.)
  4. Weiter steigern bis du nicht mehr kannst
  5. HF und Pace alle 200m notieren / Strava aufzeichnen

Auswertung: HF gegen Tempo plotten. Da wo die HF nicht mehr linear mitsteigt — oft als "Verflachung" sichtbar — ist deine LT2.

Vorteile: günstig (nur Pulsuhr), reproduzierbar wenn Bedingungen gleich, liefert konkrete HF/Pace-Werte.

Nachteile: Conconi-Knick ist bei einigen Athleten nicht klar erkennbar. Wissenschaftlich umstritten. Wetter und Tagesform beeinflussen das Ergebnis stark. Erfordert disziplinierte Stufeneinhaltung.

Wer's nehmen sollte: Hobby-Sportler mit Pulsuhr, die einen ersten konkreten Zonen-Anker brauchen. Genauigkeit reicht für Trainingssteuerung, nicht für Wettkampf-Pacing auf 1%-Genauigkeit.

Methode 3: Stufentest mit Laktat-Messgerät (höchste Genauigkeit)

Das echte Ding. Ein Lactate-Messgerät (Lactate Plus, Lactate Scout, EKF) kostet einmalig 150-300€, Teststreifen ca. 2-3€ pro Messung. Damit machst du:

  1. 5-Stufen-Test: jede Stufe 4-5 Minuten bei steigender Intensität (Beispiel Lauf: 6:00/km, 5:30/km, 5:00/km, 4:30/km, 4:00/km)
  2. Pause zwischen Stufen: 30 Sekunden, Blutentnahme aus Ohrläppchen oder Fingerkuppe
  3. Laktatwert je Stufe messen + HF + Pace/Watt notieren
  4. Auswertung: Laktatwerte gegen Intensität plotten. LT1 = leichte Erhöhung über Baseline (~2 mmol/L), LT2 = steiler Anstieg (~4 mmol/L oder Dmax-Methode)

Es gibt zwei Auswertungs-Methoden:

Festwerte-Methode (2 / 4 mmol)

Klassisch: LT1 = Intensität bei 2 mmol, LT2 = Intensität bei 4 mmol. Einfach, reproduzierbar, gut etabliert. Aber: nicht jeder hat seine "echte" LT2 bei exakt 4 mmol. Ausdauer-trainierte haben oft niedrigere LT2 (3.5 mmol), sprintkräftige höhere (5 mmol).

Modifizierte Dmax-Methode

Mathematisch genauer: Du legst eine Linie zwischen dem ersten Punkt mit Laktat > 0.5 mmol über Baseline und dem letzten Punkt. Der Punkt der Laktat-Kurve, der maximal weit von dieser Linie entfernt ist, definiert die LT2 individuell.

◣ Praxis-Tipp

Mache den Test 2× im Jahr (z.B. Frühling/Herbst), immer unter ähnlichen Bedingungen. Vergleiche die Verschiebung der Laktatkurve über Zeit — das ist ein sehr guter Indikator für aerobe Fortschritte. Eine Verschiebung von 4-mmol-Punkt von 4:15/km auf 4:00/km bei gleicher HF heißt: deine aerobe Basis hat sich klar verbessert.

Vorteile: Goldstandard außerhalb des Labors. Liefert sowohl LT1 als auch LT2, individuell kalibriert.

Nachteile: einmalige Investition 150-300€, jede Messung kostet Material, Test dauert 30-40 Min, braucht Disziplin und Übung.

Wer's nehmen sollte: Coaches die mehrere Athleten betreuen (amortisiert sich schnell), ambitionierte Hobby-Athleten die ernsthaft trainieren, Triathleten mit langfristigen Wettkampfzielen.

Vom Test zu Trainingszonen

Egal welche Methode — das eigentlich Wichtige ist was du mit dem Wert machst. Aus LT1 und LT2 leitet sich ein 5-Zonen-Modell ab, das in jeder seriösen Trainingsplanung verwendet wird:

Zone% LT2Zweck
Z1 Recovery< 75%Regeneration, lockere Läufe
Z2 Grundlage75-85%Aerobe Basis, Long Runs
Z3 Tempo85-92%Marathonpace, Tempo-Läufe
Z4 Schwelle92-105%HM-Pace, Schwellintervalle
Z5 VO₂max> 105%3-5min Intervalle, Spitzentempo

Wer 80% seines Trainings in Z1/Z2 macht, 20% in Z3-Z5, folgt dem "Polarized Training" Ansatz — mittlerweile als bestes Konzept für Ausdauer-Sport etabliert (Stephen Seiler, norwegisches Skilanglauf-Team).

Yama berechnet deine Zonen aus dem Test

Trag deine Stufentest-Daten in Yama ein — entweder Festwerte- oder Dmax-Methode — und Yama berechnet automatisch dein 5-Zonen-Modell (Run + Bike). Plus: Verlauf über mehrere Tests, automatischer Vergleich.

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Fazit

Du brauchst kein Labor, um sinnvoll zonenbasiert zu trainieren. Für die meisten Hobby-Sportler reicht eine Kombination aus Talk-Test (täglich) und einem Conconi-Test alle paar Monate. Wenn du den Sprung zum ernsthaften Training machst (Marathon <3:30, Triathlon Mitteldistanz), lohnt sich das Laktat-Messgerät.

Das wichtigste Ergebnis aus all dem: die meisten Athleten trainieren ihre lockeren Einheiten zu schnell und ihre harten zu langsam. Wer das ändert, wird besser — mehr als jede 0.1-mmol-Optimierung der Schwellen bringt.