Laktat-Stufentest auswerten — LT1, LT2 und Dmax
Ein Laktat-Stufentest liefert dir mehr objektive Daten als jeder andere selbst durchführbare Performance-Test. Die Kunst liegt nicht im Test selbst, sondern in der Auswertung: drei Athleten mit identischer Kurve können je nach Schwellenmodell drei sehr unterschiedliche Trainingsbereiche bekommen. Wer LT1 und LT2 nicht von Dmax unterscheidet, läuft Gefahr, völlig falsche Zonen zu trainieren.
Im interaktiven Auswerter unten gibst du deine Stufendaten ein und bekommst alle gängigen Schwellenwerte parallel berechnet — mit Kurven-Plot und Threshold-Markern. Danach erklären wir, was die Modelle bedeuten, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, und wie du die Ergebnisse in dein Training übersetzt.
Warum überhaupt Laktat messen?
Laktat ist kein Abfallprodukt — das ist der wichtigste Punkt überhaupt. Es ist ein Zwischenprodukt der Energiebereitstellung, das ständig gebildet und wieder verbraucht wird. Im Ruhezustand misst du etwa 0.8–1.5 mmol/L; bei leichter Belastung ähnlich; bei mittlerer Belastung steigt es leicht; bei harter Belastung steigt es exponentiell, weil die Abbauwege nicht mehr mithalten.
Genau diese Übergänge sind das Interessante. Sie definieren physiologische Grenzen, die du mit keinem anderen Hobby-tauglichen Test so präzise bekommst:
- LT1 (aerobe Schwelle): erster signifikanter Anstieg über Ruhewert. Markiert das Ende des reinen Grundlagen-Bereichs.
- LT2 (anaerobe Schwelle, IANS, MLSS): höchste Intensität, die du im Steady-State noch fahren/laufen kannst, ohne dass Laktat unbegrenzt weiter steigt.
Im Trainingsalltag entspricht LT1 in etwa der oberen Grenze von Z2 (klassisches Grundlagentraining), LT2 in etwa der oberen Grenze von Z4 (Schwellenintervalle). FTP liegt meist nahe LT2 — aber nicht identisch, dazu später mehr.
Das Stufenprotokoll
Ein sauberer Stufentest hat eine klare Struktur. Hier die Standardprotokolle:
Rad (Smart-Trainer oder Ergometer)
- Aufwärmen: 10–15 min Z1–Z2
- Startleistung: 100–150 W (Anfänger), 150–200 W (Geübt)
- Inkrement: 25–30 W pro Stufe
- Stufenlänge: 3 min (für Schwellenbestimmung) oder 5 min (eher MLSS-orientiert)
- Laktat-Messung: in der letzten 10–15 s jeder Stufe (Stechfinger oder Ohrläppchen)
- Abbruch: subjektive Ausbelastung oder Laktat > 8–10 mmol/L
Lauf (Laufband oder Bahn)
- Aufwärmen: 10–15 min lockerer Lauf
- Startgeschwindigkeit: 8–10 km/h
- Inkrement: 0.5–1.0 km/h pro Stufe
- Stufenlänge: 3 min auf Laufband, 800–1000 m auf Bahn
- Laktat: in der letzten Minute der Stufe oder unmittelbar nach Pause (Bahn: 30 s Pause)
- Abbruch: wie Rad
Damit deine Folgetests vergleichbar sind, kontrolliere: Tageszeit (gleicher Zeitpunkt ±2 h), Hydratationsstatus, Mahlzeit-Abstand (mindestens 2 h, keine Hochkohlenhydrat-Mahlzeit direkt davor), kein hochintensives Training in den 24–48 h vor dem Test, und identisches Equipment. Schon eine veränderte Bremsleistung am Trainer oder ein nasses Laufband können Stufen-Wattwerte um 5–10% verschieben.
Die Schwellenmodelle im Vergleich
Es gibt nicht die Schwelle — es gibt mathematische Definitionen, die jeweils versuchen, einen physiologisch relevanten Punkt auf der Kurve zu treffen. Die wichtigsten:
1. Mader 4-mmol-Schwelle (LT2)
Hans-Hermann Maders Konzept aus den 1970ern: die Intensität, bei der die Laktatkurve den Wert von 4 mmol/L erreicht, entspricht der maximalen Laktat-Steady-State (MLSS). Vorteile: einfach, universell, in der Literatur etabliert. Nachteile: 4 mmol ist ein Durchschnittswert — individuelle MLSS-Konzentrationen liegen zwischen 2.5 und 6 mmol/L. Bei Athleten mit niedriger MLSS unterschätzt die Methode systematisch, bei hoher überschätzt sie.
2. LT1 (Baseline+1, aerobe Schwelle)
LT1 ist der erste deutliche Laktatanstieg über die Baseline. Mathematisch ist eine gängige Definition: die Intensität, bei der das Laktat zum ersten Mal 1 mmol/L über dem niedrigsten gemessenen Wert liegt. Andere Definitionen nutzen einen festen Cutoff bei 2.0 mmol/L oder die erste sichtbare Knick in der Kurve. Für die Praxis am wichtigsten: oberhalb von LT1 beginnt Laktat-Akkumulation. Echtes Grundlagentraining (Z2) muss unter LT1 liegen.
3. Dmax (Cheng et al. 1992)
Das Dmax-Verfahren ist eine geometrische Methode: ziehe eine gerade Linie vom ersten zum letzten Datenpunkt deiner Kurve. Der Punkt auf der Kurve, der den größten senkrechten Abstand zu dieser Linie hat, ist deine Schwelle. Vorteil: vollkommen individuell, hängt nicht von einem Cutoff-Wert ab. Nachteil: das Ergebnis verschiebt sich, wenn du den Test bei sehr niedriger Startlast beginnst (die Linie wird flacher, der Maximalpunkt wandert nach rechts).
4. Dmax-modifiziert (Bishop et al. 1998)
Reaktion auf die Dmax-Schwäche: die Linie startet nicht beim ersten Datenpunkt, sondern bei LT1 (also dem ersten signifikanten Laktatanstieg). Dadurch wird die Methode robuster gegen Wahl der Startlast. In der Praxis liegt Dmax-mod oft zwischen Mader-4 und reinem Dmax.
| Methode | Was sie zeigt | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|---|
| LT1 (B+1) | Aerobe Schwelle | Definiert Z2-Obergrenze | Baseline-Wahl sensibel |
| Mader 4 mmol | Anaerobe Schwelle | Einfach, vergleichbar | Individuelle MLSS variiert stark |
| Dmax | Inflexionspunkt | Individuell, ohne fixen Wert | Reagiert auf Startlast |
| Dmax-mod | Inflexionspunkt | Robuster als Dmax | LT1-Bestimmung muss stimmen |
Wie du deine Kurve interpretierst
Eine "schöne" Laktatkurve hat eine charakteristische Hockeyschläger-Form: flacher Beginn, langsamer Anstieg, dann ein deutlicher Knick und exponentielle Steigerung. Wenn deine Kurve so aussieht, sind alle Methoden konsistent und du kannst dir aussuchen, welche du nutzt.
Atypische Kurven
- Linear ansteigende Kurve ohne klaren Knick: häufig bei ausdauerlimitierten Anfängern oder nach langen Trainingsphasen ohne Intensität. Dmax greift hier nicht zuverlässig; Mader 4 oder LT1 sind robuster.
- Sehr flacher Anstieg bis spät, dann steiler Knick: typisch für gut trainierte Ausdauerathleten mit hoher Laktatutilisation. Dmax und Mader liegen weit auseinander — Dmax ist hier eher der relevante Wert.
- Frühe Erhöhung (>2 mmol bei niedriger Last): kann Restlaktat von vorherigem Training, Glykogen-Hypothese (zu viel KH vor dem Test) oder Messungenauigkeit sein. Bei systematisch zu hohen Werten Test wiederholen.
Vom Schwellenwert zur Trainingszone
Was du eigentlich willst: aus deinem Test resultierende Watt-Werte (oder Pace-Werte) für deine tägliche Trainingssteuerung. Faustregeln:
- Z2-Obergrenze: bei oder leicht unter LT1. Wer disziplinierte Z2-Einheiten will, sollte hier einen Cap setzen.
- Schwellen-Training (Z4): 90–105% des LT2-Wertes. Ob du LT2 nach Mader, Dmax oder Dmax-mod definierst, ist Geschmackssache — aber bleib bei einer Methode über die Zeit.
- FTP-Schätzung: liegt typischerweise 5–10% unter LT2 nach Dmax-mod bzw. nahe Mader-4. Wer einen 20-Min-Test gemacht hat: dessen FTP ≈ 95% der 20-Min-Leistung, und das wiederum sollte etwa Mader-4 entsprechen, wenn die Kurve typisch ist.
Den ganzen Schritt von Schwellenwert zu vollständigen 5- oder 7-Zonen-Tabellen erklären wir im Trainingszonen-Rechner — dort kannst du LT2 direkt als FTP oder LTHR eintragen und bekommst Coggan- oder Friel-Zonen ausgespielt.
Häufige Auswertungs-Fehler
Test zu kurz abgebrochen
Wenn dein höchster Laktatwert unter 6–8 mmol/L liegt, hast du den oberen Kurvenast nicht erreicht. Dmax und Dmax-mod brauchen ihn für eine stabile Berechnung; Mader-4 funktioniert noch, wenn die 4 mmol erreicht wurden — sonst nicht.
Zu wenige Stufen
Mit nur 3–4 Datenpunkten kannst du keine glatte Kurve fitten. Die Schwellen werden stark von einzelnen Ausreißern abhängig. Lieber kleinere Inkremente und mehr Stufen.
Mader-4 als einziges Modell
Wer nur Mader-4 nutzt, übersieht systematisch individuelle Unterschiede. Faustregel: berechne immer mindestens zwei Methoden und vergleiche. Wenn Dmax-mod 15% niedriger liegt als Mader-4 bist du wahrscheinlich ein Laktat-Hochproduzent — dann ist Dmax-mod die realistischere Schwelle.
Verlaufstests mit unterschiedlichem Protokoll
3-Minuten-Stufen ergeben höhere Schwellenwerte als 5-Minuten-Stufen, weil das Laktat noch nicht voll äquilibriert ist. Wer im Frühjahr mit 3-Minuten und im Herbst mit 5-Minuten testet, vergleicht Äpfel mit Birnen. Im Yama-Profil markieren wir Stufentests deshalb mit Protokoll-Metadaten.
Wenn du jährlich 2–3 Stufentests machst, mach das wichtigste vor dem Test: schreibe Datum, Protokoll, Equipment, Vortrainings-Belastung und Mahlzeiten in ein Test-Logbuch. Die Verlaufsinterpretation steht und fällt mit den Begleitdaten.
Was Laktat nicht kann
Bei aller Begeisterung — ein Stufentest hat klare Grenzen:
- Er sagt nichts über deine VO2max aus. Zwei Athleten mit identischer LT2 können dort bei sehr unterschiedlichen Prozent ihres maximalen Sauerstoffbedarfs arbeiten.
- Er sagt nichts über Ermüdungsresistenz aus. LT2 misst nur den Steady-State, nicht wie lange du bei 95% LT2 durchhältst.
- Er ist kein VO2max-Ersatz. Wer maximal trainieren will, braucht zusätzlich harte Intervalle weit oberhalb LT2.
- Er liegt nicht exakt auf dem MLSS. Der echte MLSS lässt sich nur durch eine Reihe von 30-Minuten-Konstanttests bestimmen. Stufentests sind eine pragmatische Approximation.
Fazit
Ein Stufentest ist das beste reproduzierbare Diagnostik-Werkzeug für Hobby-Athleten — aber nur, wenn die Auswertung über mehr als eine Methode geht. Mader-4 ist ein guter Anker, Dmax-mod der individuellere Wert, LT1 der wichtige untere Anker für Z2. Wer alle drei kennt, hat ein deutlich klareres Bild seiner Schwellen als jemand, der nur einen 20-Min-FTP-Wert hat.
Im Rechner oben kannst du deine Werte sofort durchrechnen lassen — und dann direkt im Trainingszonen-Rechner in komplette Zonen umsetzen.
Yama versteht deine Diagnostik
Trag deinen Stufentest in dein Yama-Profil ein — mit Protokoll, Datum und Equipment. Alle Pläne und Auswertungen nutzen deine aktuellen Schwellen, und Verlaufsgrafiken zeigen, wie LT1, LT2 und Dmax sich über deine Saison verändern.
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