Diagnostik

Laktat-Stufentest auswerten — LT1, LT2 und Dmax

3. Juni 2026 14 Min Lesezeit Diagnostik · Rad · Lauf

Ein Laktat-Stufentest liefert dir mehr objektive Daten als jeder andere selbst durchführbare Performance-Test. Die Kunst liegt nicht im Test selbst, sondern in der Auswertung: drei Athleten mit identischer Kurve können je nach Schwellenmodell drei sehr unterschiedliche Trainingsbereiche bekommen. Wer LT1 und LT2 nicht von Dmax unterscheidet, läuft Gefahr, völlig falsche Zonen zu trainieren.

Im interaktiven Auswerter unten gibst du deine Stufendaten ein und bekommst alle gängigen Schwellenwerte parallel berechnet — mit Kurven-Plot und Threshold-Markern. Danach erklären wir, was die Modelle bedeuten, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, und wie du die Ergebnisse in dein Training übersetzt.

Laktat-Auswerter
Gib deine Stufendaten ein. Mindestens 4 Stufen, ideal 6–8.
#
Last (W)
Laktat (mmol/L)
HF (bpm)
Gib mindestens 4 Stufen mit Last und Laktat ein, um die Kurve und Schwellen zu sehen.
Übertrage LT2 als Schwellenwert in dein Yama-Profil — alle Pläne und Auswertungen nutzen ihn automatisch.
In Yama übernehmen →

Warum überhaupt Laktat messen?

Laktat ist kein Abfallprodukt — das ist der wichtigste Punkt überhaupt. Es ist ein Zwischenprodukt der Energiebereitstellung, das ständig gebildet und wieder verbraucht wird. Im Ruhezustand misst du etwa 0.8–1.5 mmol/L; bei leichter Belastung ähnlich; bei mittlerer Belastung steigt es leicht; bei harter Belastung steigt es exponentiell, weil die Abbauwege nicht mehr mithalten.

Genau diese Übergänge sind das Interessante. Sie definieren physiologische Grenzen, die du mit keinem anderen Hobby-tauglichen Test so präzise bekommst:

Im Trainingsalltag entspricht LT1 in etwa der oberen Grenze von Z2 (klassisches Grundlagentraining), LT2 in etwa der oberen Grenze von Z4 (Schwellenintervalle). FTP liegt meist nahe LT2 — aber nicht identisch, dazu später mehr.

Das Stufenprotokoll

Ein sauberer Stufentest hat eine klare Struktur. Hier die Standardprotokolle:

Rad (Smart-Trainer oder Ergometer)

Lauf (Laufband oder Bahn)

◣ Reproduzierbarkeits-Faktoren

Damit deine Folgetests vergleichbar sind, kontrolliere: Tageszeit (gleicher Zeitpunkt ±2 h), Hydratationsstatus, Mahlzeit-Abstand (mindestens 2 h, keine Hochkohlenhydrat-Mahlzeit direkt davor), kein hochintensives Training in den 24–48 h vor dem Test, und identisches Equipment. Schon eine veränderte Bremsleistung am Trainer oder ein nasses Laufband können Stufen-Wattwerte um 5–10% verschieben.

Die Schwellenmodelle im Vergleich

Es gibt nicht die Schwelle — es gibt mathematische Definitionen, die jeweils versuchen, einen physiologisch relevanten Punkt auf der Kurve zu treffen. Die wichtigsten:

1. Mader 4-mmol-Schwelle (LT2)

Hans-Hermann Maders Konzept aus den 1970ern: die Intensität, bei der die Laktatkurve den Wert von 4 mmol/L erreicht, entspricht der maximalen Laktat-Steady-State (MLSS). Vorteile: einfach, universell, in der Literatur etabliert. Nachteile: 4 mmol ist ein Durchschnittswert — individuelle MLSS-Konzentrationen liegen zwischen 2.5 und 6 mmol/L. Bei Athleten mit niedriger MLSS unterschätzt die Methode systematisch, bei hoher überschätzt sie.

2. LT1 (Baseline+1, aerobe Schwelle)

LT1 ist der erste deutliche Laktatanstieg über die Baseline. Mathematisch ist eine gängige Definition: die Intensität, bei der das Laktat zum ersten Mal 1 mmol/L über dem niedrigsten gemessenen Wert liegt. Andere Definitionen nutzen einen festen Cutoff bei 2.0 mmol/L oder die erste sichtbare Knick in der Kurve. Für die Praxis am wichtigsten: oberhalb von LT1 beginnt Laktat-Akkumulation. Echtes Grundlagentraining (Z2) muss unter LT1 liegen.

3. Dmax (Cheng et al. 1992)

Das Dmax-Verfahren ist eine geometrische Methode: ziehe eine gerade Linie vom ersten zum letzten Datenpunkt deiner Kurve. Der Punkt auf der Kurve, der den größten senkrechten Abstand zu dieser Linie hat, ist deine Schwelle. Vorteil: vollkommen individuell, hängt nicht von einem Cutoff-Wert ab. Nachteil: das Ergebnis verschiebt sich, wenn du den Test bei sehr niedriger Startlast beginnst (die Linie wird flacher, der Maximalpunkt wandert nach rechts).

4. Dmax-modifiziert (Bishop et al. 1998)

Reaktion auf die Dmax-Schwäche: die Linie startet nicht beim ersten Datenpunkt, sondern bei LT1 (also dem ersten signifikanten Laktatanstieg). Dadurch wird die Methode robuster gegen Wahl der Startlast. In der Praxis liegt Dmax-mod oft zwischen Mader-4 und reinem Dmax.

MethodeWas sie zeigtStärkeSchwäche
LT1 (B+1)Aerobe SchwelleDefiniert Z2-ObergrenzeBaseline-Wahl sensibel
Mader 4 mmolAnaerobe SchwelleEinfach, vergleichbarIndividuelle MLSS variiert stark
DmaxInflexionspunktIndividuell, ohne fixen WertReagiert auf Startlast
Dmax-modInflexionspunktRobuster als DmaxLT1-Bestimmung muss stimmen

Wie du deine Kurve interpretierst

Eine "schöne" Laktatkurve hat eine charakteristische Hockeyschläger-Form: flacher Beginn, langsamer Anstieg, dann ein deutlicher Knick und exponentielle Steigerung. Wenn deine Kurve so aussieht, sind alle Methoden konsistent und du kannst dir aussuchen, welche du nutzt.

Atypische Kurven

Vom Schwellenwert zur Trainingszone

Was du eigentlich willst: aus deinem Test resultierende Watt-Werte (oder Pace-Werte) für deine tägliche Trainingssteuerung. Faustregeln:

Den ganzen Schritt von Schwellenwert zu vollständigen 5- oder 7-Zonen-Tabellen erklären wir im Trainingszonen-Rechner — dort kannst du LT2 direkt als FTP oder LTHR eintragen und bekommst Coggan- oder Friel-Zonen ausgespielt.

Häufige Auswertungs-Fehler

Test zu kurz abgebrochen

Wenn dein höchster Laktatwert unter 6–8 mmol/L liegt, hast du den oberen Kurvenast nicht erreicht. Dmax und Dmax-mod brauchen ihn für eine stabile Berechnung; Mader-4 funktioniert noch, wenn die 4 mmol erreicht wurden — sonst nicht.

Zu wenige Stufen

Mit nur 3–4 Datenpunkten kannst du keine glatte Kurve fitten. Die Schwellen werden stark von einzelnen Ausreißern abhängig. Lieber kleinere Inkremente und mehr Stufen.

Mader-4 als einziges Modell

Wer nur Mader-4 nutzt, übersieht systematisch individuelle Unterschiede. Faustregel: berechne immer mindestens zwei Methoden und vergleiche. Wenn Dmax-mod 15% niedriger liegt als Mader-4 bist du wahrscheinlich ein Laktat-Hochproduzent — dann ist Dmax-mod die realistischere Schwelle.

Verlaufstests mit unterschiedlichem Protokoll

3-Minuten-Stufen ergeben höhere Schwellenwerte als 5-Minuten-Stufen, weil das Laktat noch nicht voll äquilibriert ist. Wer im Frühjahr mit 3-Minuten und im Herbst mit 5-Minuten testet, vergleicht Äpfel mit Birnen. Im Yama-Profil markieren wir Stufentests deshalb mit Protokoll-Metadaten.

◣ Praxis-Tipp

Wenn du jährlich 2–3 Stufentests machst, mach das wichtigste vor dem Test: schreibe Datum, Protokoll, Equipment, Vortrainings-Belastung und Mahlzeiten in ein Test-Logbuch. Die Verlaufsinterpretation steht und fällt mit den Begleitdaten.

Was Laktat nicht kann

Bei aller Begeisterung — ein Stufentest hat klare Grenzen:

Fazit

Ein Stufentest ist das beste reproduzierbare Diagnostik-Werkzeug für Hobby-Athleten — aber nur, wenn die Auswertung über mehr als eine Methode geht. Mader-4 ist ein guter Anker, Dmax-mod der individuellere Wert, LT1 der wichtige untere Anker für Z2. Wer alle drei kennt, hat ein deutlich klareres Bild seiner Schwellen als jemand, der nur einen 20-Min-FTP-Wert hat.

Im Rechner oben kannst du deine Werte sofort durchrechnen lassen — und dann direkt im Trainingszonen-Rechner in komplette Zonen umsetzen.

Yama versteht deine Diagnostik

Trag deinen Stufentest in dein Yama-Profil ein — mit Protokoll, Datum und Equipment. Alle Pläne und Auswertungen nutzen deine aktuellen Schwellen, und Verlaufsgrafiken zeigen, wie LT1, LT2 und Dmax sich über deine Saison verändern.

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